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17. Juli 2024

Der gewöhnliche Mensch nimmt das Erscheinende – ohne das Bewusstsein, dass es Erscheinung ist – als real hin. Doch dieses „Reale“ selbst ist bereits etwas Gedeutetes.
Das Fehlen dieses Bewusstseins macht ihn jedoch nicht zu einem Getäuschten: es ist Verkörperung des Scheins (und des Seins?) selbst. Demnach ist er – als Nicht-Erkennender – logisch innerhalb jener Illusion. Er erlebt den Schein nicht als Schein, sondern als „Welt an sich“. Infolge dessen sind seine Freuden und auch seine Leiden real innerhalb des Erscheinungszusammenhangs.

Wie verhält es sich dagegen mit jenem Menschen, der sich des Scheins gewahr wurde?
Dieser Mensch, dieser Erkennende fällt tief, weil er tief geblickt hat – er fällt gar aus der Welt: Er leidet an den Erscheinungen, also an der Erkenntnis selbst, er leidet am Verlust des stillen Einvernehmens. Er ist weiterhin „existent“ zwischen den Menschen und ihrem sozialen Gewebe, ist sich aber dessen Künstlichkeit bewusst. Dieses Erlebnis, dieser durchdringende Blick entfremdet und isoliert ihn von der Außenwelt, von seinen Mitmenschen: er fühlt eine ontologische Vereinsamung; – genau hier besteht die größte Gefahr des Nihilismus.
Um in diesen Nihilismus nicht zu stürzen hat der Erkennende folgenden Mechanismus zu beachten: der Schein ist nicht bloß Schein, bloß Ästhetik, die eine leere Wirklichkeit erzeugt – denn das, was „erscheint“, kann sich seiner selbst und der (scheinhaftigen) Welt um sich herum bewusst werden – durch den Erkennenden. Daraus folgt: die Erscheinungswelt schafft Bedingungen, in der sie sich ihrer selbst bewusst wird und somit über sich als „bloße Erscheinung“ hinauswächst. Es kommt zur Transzendenz ohne ein „Jenseits der Welt“.

Vermutlich wird der Erkennende folgenden Einwand bringen: „Wieso noch Sinn setzen in einer Welt des Scheins? Ist da nicht jede Sinnsetzung von vornherein kompromittiert?“
Doch selbst die Weigerung, Sinn zu setzen, ist bereits eine Sinnentscheidung. Wer „gar keinen Sinn“ will, entscheidet sich damit für einen Sinn des Nihilismus. Sinnsetzung ist keine optionale Zugabe zur Existenz, sondern ihr Vollzug.
Haben wir Cioran aus dieser Perspektive besser zu verstehen? Jener Cioran, der nicht nur keinen Sinn zu setzen vermochte, sondern die Weigerung selbst, Sinn zu setzen, verneinte. In jener doppelten Negation wähnte er sich dem Nichts nah. Er hoffte somit nicht nur dem Schein, sondern jedweder Art der Sinnsetzung zu „entkommen“, somit einen mystischen Zwischenzustand zu erreichen.
Doch schreiben tat Cioran trotzdem, vielleicht sogar gerade deshalb. Und selbst das ist bereits Formgebung, unweigerliche Sinnstiftung.
Jetzt mag der Erkennende nun folgendermaßen entgegnen: „Ist aber die Unausweichlichkeit des Sinnzusammenhangs nicht ein ontologisches Gefängnis? Sollten wir angesichts dessen nicht in Panik ausbrechen?“
Hier entwickelt der Erkennende eine existenzielle Angst, weil das Ich seine eigene Sinnproduktion nun als fremden Zwang erlebt.
Doch Angst wäre ein Reflex desjenigen, der noch glaubt, es gäbe ein Außen, aus dem heraus das Gefängnis gesprengt werden könnte. Die Gitter sind nicht aus Stahl, sondern aus Sprache, Wahrnehmung, Zeit. In Wahrheit gibt es nicht einmal ein Gitter. Das Gefängnis, das wir erleben, ist jenes, in das wir uns selbst verfrachten.
Es ist letztlich eine Frage der persönlichen Entscheidung, vielleicht auch des Temperaments, wie wir uns zur Wirklichkeit ontologisch verhalten. Der Mensch wünscht, sehnt sich nach einem „letzten Standpunkt“, den es allerdings nicht gibt. Wir selbst sind die Formgeber, Sinnsetzer – und dies bedeutet auch vor allem Freiheit – Freiheit, vor der wir erstarren oder sie spielerisch annehmen können.

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